In diesem Artikel wird ein zentrales Argument gegen den evolutionären Naturalismus und für den Theismus vorgestellt. Ein Teil des Arguments basiert auf Mark D. Linvilles Argument from Evolutionary Naturalism.1 Bei diesem Argument spielt die Existenz objektiver moralischer Fakten eine entscheidende Rolle. Mit objektiven moralischen Fakten sind Aussagen gemeint, die unabhängig von Meinungen, Gefühlen oder kulturellen Überzeugungen wahr sind. Ziel dieses Artikels ist es aufzuzeigen, dass ein naturalistisch-materialistisches Weltbild inkompatibel mit der Existenz objektiver moralischer Fakten ist. Das Argument wird anschliessend erweitert, um zu zeigen, dass objektive moralische Fakten auf die Existenz eines göttlichen Wesens (Gott) hindeuten. Die Argumentationsstruktur ist wie folgt:
Die vier Prämissen des Arguments
(1) Wenn der evolutionäre Naturalismus wahr ist, sind moralische Fakten Produkte natürlicher Selektion.
(2) Wenn moralische Fakten Produkte natürlicher Selektion sind, existieren keine objektiven moralischen Fakten.
(3) Es existieren objektive moralische Fakten.
(1), (2), (3) → (S1) Der evolutionäre Naturalismus ist falsch.
(4) Wenn kein göttliches Wesen existiert, dann ist der evolutionäre Naturalismus wahr.
(S1), (4) → (S2) Ein göttliches Wesen existiert.
Aus den Prämissen (1), (2) und (3) folgt logisch zwingend, dass der evolutionäre Naturalismus falsch ist. Nimmt man Prämisse (4) hinzu, folgt daraus, dass ein göttliches Wesen existiert. Das bedeutet: Wenn alle vier Prämissen akzeptiert werden, dann folgt daraus, dass Gott existiert. Nachfolgend werden die Argumente für die einzelnen Prämissen genauer betrachtet. Ausklappbare Boxen ergänzen jeweils die mathematischen Details dazu, wie sich die Prämisse plausibilisieren lässt.
Mathematik-Box: Die logische Struktur des Arguments
Es seien
Dann lauten die Prämissen formal:
Aus , und folgt . Mit ergibt sich
Für eine Aussage ist die Kontraposition immer wahr. Da nun durch Prämisse (3) angenommen wird, folgt daraus durch Kontraposition, dass nicht wahr sein kann und deshalb gilt. Sind die Prämissen wahr, dann ist die Schlussfolgerung also unumstösslich wahr. Nun kann aber nicht zweifelsfrei gezeigt werden, dass die Prämissen wahr sind; es kann aber dafür argumentiert werden, dass sie mit grösserer Wahrscheinlichkeit wahr sind, als dass sie falsch sein könnten. Durch Argumentation können die Prämissen plausibilisiert und damit gezeigt werden, dass daher auch die Schlussfolgerung mit grösserer Wahrscheinlichkeit wahr ist, als falsch zu sein.
Diskussion von Prämisse (1)
«Wenn der evolutionäre Naturalismus wahr ist, sind moralische Fakten Produkte natürlicher Selektion.»
Diese Prämisse sagt aus, dass moralische Vorstellungen im evolutionären Naturalismus als Produkte der natürlichen Selektion angesehen werden müssen. Anders ausgedrückt müssen moralische Überzeugungen im Rahmen eines evolutionär-naturalistischen Weltbildes als durch natürliche Selektion hervorgebrachte Eigenschaften verstanden werden. Das bedeutet: Moral hat keinen metaphysischen2 Ursprung, sondern einen evolutionären Nutzen.
Im materialistischen Naturalismus muss alles auf Materie und die Gesetzmässigkeiten zurückgeführt werden, denen sie unterliegt. Gemäss dieser Anschauung sind geistige Phänomene wie moralische Vorstellungen nur Epiphänomene3 materieller Prozesse. Auch psychische Ereignisse sind letztlich durch physische Ursachen determiniert.
Daraus folgt: Moralische Überzeugungen entstehen aufgrund letztlich physikalischer Prozesse im Körper. Diese Prozesse sind durch die Beschaffenheit des Körpers determiniert. Dieser wiederum wird stark durch das Zusammenspiel natürlicher Selektion und zufälliger Mutationen geprägt.
Es ist leicht zu sehen, inwiefern moralische Regeln Selektionsvorteile bieten können. Beispielsweise bieten die Fürsorgepflicht gegenüber Kindern oder das Verbot von Mord evolutionäre Vorteile, da diese (1) die Überlebenschancen der Gruppe erhöhen und (2) die Kooperation und soziale Stabilität stärken. So machen moralische Regeln die Gruppe insgesamt überlebensfähiger gegenüber dem Prozess der natürlichen Selektion.
Mathematik-Box: Prämisse 1
Es stehe für «Population hat Moralvorstellungen» und für «Population hat einen Selektionsvorteil». Plausibilisiert werden soll die Implikation , also dass Moralvorstellungen einer Population einen Selektionsvorteil einbringen, d. h. dass Moralvorstellungen Produkte natürlicher Selektion sind.
In der sogenannten Odds-Form lautet das Theorem von Bayes:
Hierbei bedeutet die Schreibweise für zwei Sachverhalte und die «Wahrscheinlichkeit von , gegeben ».
Die Argumentation setzt zunächst , da die Wahrscheinlichkeiten von und a priori dieselben zu sein scheinen. Aufgrund der Argumentation im Fliesstext ist anzunehmen, dass Moralvorstellungen bei Populationen mit Selektionsvorteil wahrscheinlicher sind, also
woraus
folgt. Da eine Population entweder einen Selektionsvorteil hat oder keinen, gilt . Ist der Bruch grösser als 1, so ist der Zähler grösser als der Nenner, und damit . Die natürliche Selektion bringt also gemäss einem materialistisch-naturalistischen Weltbild mit einer Wahrscheinlichkeit grösser moralische Fakten hervor.
Diskussion von Prämisse (2)
«Wenn moralische Fakten Produkte natürlicher Selektion sind, existieren keine objektiven moralischen Fakten.»
Die Grundidee der zweiten Prämisse ist, dass moralische Glaubenssätze, die durch evolutionäre Prozesse entstanden sind, epistemisch4 unabhängig von deren Wahrheit sind. Dies wird auch die «Unabhängigkeitsthese» genannt. Anders ausgedrückt: Die Herkunft eines Glaubenssatzes hat nichts mit der Wahrheit zu tun.
Ein Beispiel zur Illustration: Ben zieht zufällig die Zahl 73 aus einer Urne und glaubt daher, dass 73 Studenten in seiner Klasse sind. Auch wenn das zufällig stimmen sollte, ist dieser Glaube epistemisch nicht gerechtfertigt. Übertragen auf Moral bedeutet dies Folgendes: Wenn moralische Überzeugungen – die sich sehr wohl wahr anfühlen können – durch evolutionäre Mechanismen entstehen, heisst das nicht, dass sie auch wahr sind.
Anhand eines Gedankenexperiments soll dieser Punkt illustriert werden. Stell dir zwei Paare in unterschiedlichen Umgebungen vor. In einer Umgebung () ist es nützlich, Kinder zu töten, wenn mehr als zwei pro Familie geboren werden – beispielsweise aufgrund von Nahrungsmangel. In einer anderen Umgebung () ist es nützlich, möglichst viele Kinder zu bekommen. Die daraus entstehenden Moralvorstellungen ( und ) sind einander entgegengesetzt: In ist es moralisch gut, gewisse Kinder zu töten, während dies in schlecht ist. Da diese beiden durch natürliche Selektion entstandenen Moralvorstellungen teils grundverschieden voneinander sind, können nicht beide objektiv wahr sein; denn damit eine Moralvorstellung objektiv ist, darf sie nicht von Zeit oder Umständen abhängig sein. Dies soll zeigen, dass moralische Wahrheiten im Rahmen des Naturalismus nicht objektiv sein können – also kontingent5 sind.
Mathematik-Box: Prämisse 2
Mit für «Es existieren objektive moralische Fakten» und für «Moralische Fakten sind Produkte des evolutionären Naturalismus» lautet die Odds-Form:
A priori scheint die Existenz objektiver moralischer Fakten nicht plausibler als deren Nichtexistenz zu sein, daher und darum
Zugleich wird angenommen, dass eine evolutionäre Erklärung moralischer Fakten bei objektiver Moral, , wenig wahrscheinlich ist, während sie bei nichtobjektiver Moral plausibler ist. Die Absenz objektiver Moral lässt dem Prozess der natürlichen Selektion freien Lauf. Daher ist das Verhältnis
sehr klein und damit
Das plausibilisiert die Prämisse 2, weil gemäss obiger Ungleichung gilt und damit die Implikation wesentlich wahrscheinlicher als die Implikation ist.
Diskussion von Prämisse (3)
«Es existieren objektive moralische Fakten.»
Die meisten Menschen sind intuitiv von der Objektivität moralischer Fakten überzeugt. So würden die meisten Menschen zum Beispiel Folter von unschuldigen Kindern als moralisch falsch beurteilen. Mit objektiv ist dabei gemeint, dass diese unabhängig von der Meinung von Menschen, von Umständen oder der Zeit sind. Bereits ein einziges objektiv richtiges moralisches Faktum (zum Beispiel «Folter an unschuldigen Kindern ist objektiv falsch») genügt zur Bestätigung dieser Prämisse.
Lehnt man die Objektivität gewisser moralischer Fakten ab, kann dies zu problematischen Konsequenzen führen. Beispielsweise könnten dann selbst Handlungen wie Mord oder Folter lediglich als subjektiv falsch betrachtet werden. Eine Person findet dann eine gewisse Tat falsch, während sie eine andere für gerechtfertigt hält. Eine sinnvolle ethische Diskussion wäre so kaum möglich.
Zusätzliche Informationen zu dieser Prämisse finden sich im Artikel «Wie lautet das moralische Argument für Gottes Existenz?».
Wenn alle drei Prämissen akzeptiert werden, folgt logisch, dass der evolutionäre Naturalismus falsch ist. Dies öffnet unter Einbezug der Prämisse 4 die Tür für theistische Erklärungen moralischer Objektivität.
Mathematik-Box: Prämisse 3
Mit für «Es existieren objektive moralische Fakten» lässt sich Prämisse 3 als darstellen. Das würde heissen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es keine objektiven moralischen Fakten gibt, kleiner ist. Das folgt, weil gemäss den Regeln der Wahrscheinlichkeit gilt und daher sein muss.
Diskussion von Prämisse (4)
«Wenn kein Gott existiert, dann ist der evolutionäre Naturalismus wahr.»
Diese Prämisse verknüpft sozusagen den Naturalismus mit dem Atheismus. Denn ohne Gott bleibt nach der Argumentation nur der evolutionäre Naturalismus zur Erklärung von Leben und Moral. Nach dem heutigen Stand des Wissens gibt es unter Annahme eines atheistischen Weltbildes keine wirklichen Alternativen zum evolutionären Naturalismus. Deswegen stimmen Alex Rosenberg – ein Naturalist – sowie Alvin Plantinga – ein Theist – darin überein, dass die biologische Evolutionstheorie als wesentlicher Bestandteil des evolutionären Naturalismus das «only game in town» sei.6
Die Aussage «Wenn kein Gott existiert, dann ist der evolutionäre Naturalismus wahr» lässt sich logisch als «Wenn A, dann B» () darstellen, wobei : «Kein Gott existiert» und : «Der evolutionäre Naturalismus ist wahr» gelten. Nach den Regeln der Logik ergibt sich daraus die gültige Kontraposition: «Wenn der evolutionäre Naturalismus nicht wahr ist, dann existiert ein Gott», also .
Mathematik-Box: Prämisse 4
Für Prämisse 4 soll plausibilisiert werden, wobei für «Gott existiert» und für «Der evolutionäre Naturalismus ist wahr» stehen. Das Theorem von Bayes in Odds-Form ergibt
wobei Multiplikation mit
liefert. Ohne jegliche Evidenz scheint die atheistische Hypothese a priori begünstigt zu sein, daher kann man veranschlagen. Ferner wird für den materialistisch verstandenen evolutionären Naturalismus und angenommen, weil der evolutionäre Naturalismus die bisher einzig verfügbare Erklärung der Welt darstellt. Daraus wird die qualitative Abschätzung
abgeleitet, wobei die geringere A-priori-Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes, , vom zweiten Faktor in obiger Formel mehr als kompensiert wird. Das zeigt, dass unter viel wahrscheinlicher ist als unter , also mit grösserer Wahrscheinlichkeit gilt als , und daher durch Kontraposition .
Schlussfolgerung
Die Prämissen 1 bis 3 sollen zeigen, dass ein evolutionär-naturalistisches Weltbild nicht in der Lage ist, objektive moralische Fakten zu erklären. Daher erscheint es als weniger plausibel, wenn man an die Objektivität der Moral glaubt. Durch die Erweiterung des Arguments mit der Prämisse 4 wird aufgezeigt, dass ein theistisches Weltbild diese Lücke überzeugend füllen kann. Somit ergibt sich ein Argument gegen den evolutionären Naturalismus und für die Existenz Gottes, sofern objektive Moral angenommen wird und die übrigen Prämissen überzeugen.
Fussnoten
- Mark D. Linville, «The Moral Argument», in: William Lane Craig und J. P. Moreland (Hrsg.), The Blackwell Companion to Natural Theology (Chichester: Wiley-Blackwell, 2009), S. 391–448. ↩︎
- In diesem Zusammenhang bedeutet «metaphysisch», dass etwas über die rein physische Welt hinausgeht – also nicht letztlich physikalisch erklärbar ist. ↩︎
- Das heisst «Begleiterscheinungen». Kurz gesagt: Im materialistischen Naturalismus sind moralische Gedanken nicht eigenständig wirksam, sondern nur Folgeerscheinungen der materiellen Vorgänge im Körper. ↩︎
- D. h. erkenntnistheoretisch. Die Epistemologie ist ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit der Lehre der Erkenntnis beschäftigt, also mit der Frage, was und wie man etwas wissen kann. ↩︎
- In der Philosophie gibt es zwei mögliche Arten zu existieren: kontingent und notwendig. Wenn ein Objekt kontingent existiert, hätte es ebenso gut sein können, dass es nicht existiert. Ein Objekt hingegen, das notwendig existiert, kann in keiner denkbaren Welt nicht existieren. Ein Beispiel für ein kontingentes Wesen ist der Mensch – jeder Mensch hätte auch nicht existieren können, denn seine Existenz ist abhängig von vielen Faktoren, darunter seinen Eltern. ↩︎
- Linville, «The Moral Argument», S. 394. ↩︎
